· 

Heimat im Wind und Wattenmeer

Mit der Lore durchs Watt, der Wind im Gesicht. Das Ziel: Nordstrandischmoor. Die Menschen hier trotzen Sturmfluten und schützen das Land gegen die hungrige Nordsee, die sich Stück für Stück ihrer Hallig holen will. Ein Besuch bei einem Schafhalter, der um den Erhalt seiner Heimat kämpft.

Text und Bilder: Melanie Graf / Der Artikel entstand im Rahmen einer Pressereise des SAJ im Norden Deutschlands. 

In Nordstrandischmoor leben die Menschen in Häusern, die auf Warften gebaut sind.
In Nordstrandischmoor leben die Menschen in Häusern, die auf Warften gebaut sind.

Der Weg auf eine Hallig ist ebenso ungewöhnlich wie das Ziel. Manche Halligen sind nur per Schiff zu erreichen. Wer nach Nordstrandischmoor möchte, steigt in ein Schiff oder auf die Lore. Die Schienen verlaufen drei Kilometer schnurgerade durch das Watt, vorbei an hölzernen Dämmen, die bei Flut die Wellen brechen. Der kleine Schienentransportwagen tuckert mit zwölf Stundenkilometer vom Festland auf die Hallig, mitten durch das Unesco-Weltnaturerbe ins Niemandsland.

 

Watt, Wind und Weite

Zehn Halligen liegen im nordfriesischen Wattenmeer. Sie entstanden durch Sturmfluten im Mittelalter als grosse Teile des Festlands untergingen. Um 1634 siedelten sich auf Nordstrandischmoor einige Familien an, die Fischerei und Schafzucht betrieben. In den fol­gen­den Jahr­hun­der­ten wur­de die Hal­lig wie­der­holt von Sturm­flu­ten heimgesucht. Heute ist die Hallig mit 165 Hektar nur noch ein Drittel so gross wie damals.

 

18 Menschen leben hier, verteilt auf vier Warften. Das sind künstlich aufgeworfene Hügel. Eine dieser Warften beherbergt eine Schule. Eine andere den «Hallig Krog», eine einfache Gaststätte. Rundherum nichts als Horizont, Salzwiesen, Schafe und zehntausende Vögel. Das Lütt­moor, wie Nordstrandischmoor auf Plattdeutsch genannt wird, liegt mitten im EU-Vogelschutzgebiet. 2025 wurden hier über 7500 Brutpaare gezählt: Kiebitze, Seeschwalben, Rotschenkel, Säbelschnäbler und die stark gefährdete Zwergseeschwalbe. Dokumentiert hat sie Ruth Hartwig-Kruse, Halligbewohnerin, Rangerin und ehrenamtliche Bürgermeisterin der Gemeinde Nordstrand, zu der diese Hallig gehört. Sie kämpft für den Erhalt der Hallig und für den Schutz der Vögel.

Gänse fressen alles weg

Die Familie Kruse lebt seit mehreren Generationen hier. Ruths Sohn Nommen Kruse ist Familienvater, Wasserbauer und Landwirt. «Eigentlich bin ich eher Landschaftspfleger», sagt er. Er bewirtschaftet in diesem Naturschutzgebiet 60 Hektaren, seine 57 Mutterschafe sind das ganze Jahr auf der Hallig. Gemäht wird gemäss Naturschutzvertrag offiziell ab 1. Juli. Doch der Gänsefrass ist enorm. «Wenn wir mähen könnten, ist kaum noch ein Halm da», sagt Kruse. Die Gänse fressen alles weg, lassen Massen an Kot zurück. Deshalb macht er erst Ende August Silage. Zum Glück reiche das Futter aus, sagt er.

 

Schafhaltung lohnt sich

Die Lämmer kommen im März und April zur Welt. Doch für sie sind die Gänse nicht harmlos. Sie übertragen Kokzidien. Das sind winzige Parasiten, die für junge Tiere gefährlich und schwer zu behandeln sind. Trotz aller Herausforderungen, die Haltung der Schafe lohnt sich derzeit. Der Preis für Lämmer ist gestiegen. «Vor zehn Jahren gab es gut zwei Euro pro Kilo Lebendgewicht. Jetzt sind es 4.40», sagt Nommen Kruse. Verkauft werden die Jungtiere ab August bis Dezember an einen Metzger auf dem Festland. Dafür werden die Schafe auf einen Spezialanhänger verladen und per Lore über das Watt gefahren.

Nommen Kruse hält nur Schafe. Doch im Sommer beherbergt manch eine Hallig auch Pensionsvieh vom Festland. Das funktioniert ähnlich wie die Alpung in der Schweiz. Als Wasserbauer beteiligt er sich beim Unterhalt der Dämme und setzt sich für den Küstenschutz ein.

 

Bis 40 Mal «Land unter»

Die Warften erfüllen einen lebenswichtigen Zweck. Denn wenn Herbst- und Winterstürme toben, zeigt die Nordsee ihr wahres Gesicht. Bis zu 40 Mal im Jahr steht Nordstrandischmoor unter Wasser. «Land unter» nennen das die Einheimischen.

 

Dann bleibt nur die Warft.  Die höher gelegenen Häuser und Scheunen bieten Schutz für Mensch und Tier. «Wir wissen, wann eine Sturmflut kommt», sagt Nommen Kruse. Wetterberichte helfen – und die Erfahrung. Während eines solchen Ereignisses werden die Schafe auf die Auffahrt oder die Scheune getrieben. Das Wasser zieht sich innerhalb von ein bis zwei Tagen wieder zurück. Wassergräben, die sich wie Adern durch die Hallig ziehen, helfen bei der Entwässerung.

«Escape Room» in der Scheune

Kruse erinnert sich jedoch an ein Hochwasser, das die Scheune auf seiner Warft erreichte. Flucht mit dem Boot? Unmöglich. Niemand geht während einer Sturmflut aufs Meer hinaus. Er zeigt auf ein neu gebautes Podest in der Scheune. Dort oben hat er einen «Escape Room» gebaut. Ein trockener Rückzugsort, wenn die Nordsee noch näherkommen sollte, als üblich. Dieser Fluchtraum ist für die Menschen. Und die Schafe? Er zuckt nur mit den Schultern. Daran will er nicht denken.

Hier draussen ist man den Gezeiten ausgeliefert. Manchmal bläst der Wind so heftig, dass man sich dagegenstemmen muss. Das Leben ist rau, voller Kompromisse. Und doch will keiner weg. Die Menschen auf Nordstrandischmoor sind eng miteinander verbunden. «Hier herrscht ein starkes Gemeinschaftsgefühl», sagt Kruse. «Halligleute sind Überlebenskünstler.»

Die Landwirtschaft trägt zur lokalen Wirtschaft und zur Erhaltung dieser einzigartigen Kulturlandschaft bei. Durch die extensive Bewirtschaftung der Flächen wird die Landschaft erhalten und die Biodiversität gefördert, was nicht nur für die Umwelt, sondern auch für den Tourismus von Vorteil ist. 15 Gästebetten gibt es auf Nordstrandischmoor. Einige Touristen kommen für einen Tagesausflug, andere bleiben über Nacht. Die Hallig ist ein Sehnsuchtsort für Ruhesuchende und Naturfreunde. Aber diese Welt ist fragil.

 

Das Meer ist hungrig

Das Leben auf den Halligen steht unter Druck. Der steigende Meeresspiegel droht sie zu verschlucken. «Die Nordsee holt sich mit jeder Welle ein Stück Hallig, wenn man sie lässt», sagt Jan Aufderdeck. Er arbeitet beim Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein.

Ohne Massnahmen, die in den 1930er Jahren ergriffen wurden, wäre Nordstrandischmoor wohl längst verschwunden. Sedimente – bestehend aus Sand, Schlick und Muschelschalen, seien entscheidend für den Erhalt. Uferbefestigungssysteme wie Deckwerke schützen vor dem Abtrag durch das Meer. Die Gesamtfläche der Halligen ist heute weitgehend stabil. «Die Halligen wirken zudem wie vorgelagerte Wellenbrecher», erklärt Aufderdeck. «Sie nehmen den Sturmfluten die Energie, bevor diese aufs Festland treffen.»

 

Ein Ort mit Zukunft?

 

Die Hallig ist Kulturerbe, Naturparadies und Lebensraum. Die Menschen hier kämpfen um ihren Erhalt. Ihre Arbeit an Land und Küste bewahrt eine einmalige Kulturlandschaft und eine besondere Lebensform, die sonst längst verschwunden wäre. Solange aber Menschen wie Nommen und seine Familie hier leben und sich für ihre Hallig einsetzen, könnte auch Nordstrandischmoor ein Ort mit Zukunft bleiben.